Frankfurter Allgemeine Zeitung, October 6, 2014

Frankfurter Allgemeine Zeitung,

(English translation below)

6 Oktober 2014

Blinde Blicke

Porträtfotos von Martin Roemers zeigen in Berlin unsichtbare Welten

Edith van der Meulen war dreizehn Jahre alt, als sie in Nijmegen von einer deutschen Splitterbombe getroffen wurde. „Auf der Straße bekam ich plötzlich einen Schlag ins Gesicht und sah nichts mehr.“ Sie hörte, wie ihre Schwester neben ihr auf den Boden fiel. „Später war sie tot, und ich war blind.“ Das Ende einer Kindheit im Krieg.

Der holländische Fotograf Martin Roemers hat Menschen porträtiert, die durch den Krieg oder seine Hinterlassenschaften ihr Augenlicht verloren haben, und sich ihre Geschichten angehört. Vierzig dieser Fotos und die dazugehörigen Geschichten zeigt das Deutsche Historische Museum in Berlin jetzt in einer kleinen Ausstellung, die nur einen Bruchteil der Fläche belegt, welche die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg im Tiefgeschoss und die „Targets“-Schau von Herlinde Koelbl im ersten und zweiten Stock einnehmen, aber eine notwendige Ergänzung zu deren Bildern von Tod und Zerstörung, Schießscheiben und Zielschießen darstellt. Denn es sind Gesichter im Frieden, die man hier sieht, und zugleich keine friedlichen Gesichter. Der Schock, der sie versehrt hat, ist in ihre Züge eingegraben, als tiefe Narbe, als leere Augenhöhle, als verschleierter, nirgends Halt findender Blick. Und als Ausdruckskraft.

Denn Blinde zeigen sich nicht. Sie erscheinen. Sie spielen kein Spiel mit der Kamera, sondern ziehen den Apparat in ihre innere Wahrheit hinein. Das Bild zeigt keinen Augenblick, sondern erzählt „die Geschichte einer unsichtbaren Welt“, wie sie der Schriftsteller Cees Nooteboom auf den Fotos von Roemers erkannt hat. Die Schicksale, die auf den Texttafeln daneben verzeichnet sind, fangen je verschieden an, aber sie kommen immer wieder an den gleichen Punkt. Ein deutscher Jagdflieger hat fünfundzwanzig alliierte Bomber abgeschossen, bevor er im April 1945 von drei Spitfires verfolgt wird. Ein russischer Junge spielt mit seinem Freund, der ihm einen Eisenzylinder zeigt. Ein englischer Soldat geht auf Patrouille in der Nähe von Caen. Ein paar Hitlerjungen setzen sich vor einen Blindgänger. Das jüngste der Kriegsopfer ist 1970 geboren, eine Frau, die als Zwölfjährige die Explosion einer Panzermine in einer Scheune überlebt hat. Ihre drei Spielkameraden sind tot.

Nur die Toten hätten das Ende des Krieges gesehen, lautet ein Bonmot des spanischen Philosophen George Santayana. Wenn das stimmt, dann geht in den Augen dieser Blinden der Krieg weiter. Der Rest ihres Gesichts aber erzählt eine andere Geschichte. Er habe ein gutes Leben als Maschinenschlosser mit vier Kindern gehabt, sagt Frederick Bentley, der Roemers auf die Idee zu seinem Fotoprojekt gebracht hat. „Ich hatte ein schlechtes Leben“, gibt dagegen ein russischer Greis zu Protokoll, der beim Kampf um Berlin verletzt wurde und später jahrzehntelang Einkaufsnetze flicken musste. Es gibt eben doch kein Kollektivschicksal. Es gibt nur den Weg, den jeder Einzelne geht. 

Andreas Kilb 

Frankfurter Allgemeine Zeitung

(Translated from the German)

6 October 2014

Blind Gazes

Portrait photographs by Martin Roemers reveal invisible worlds in Berlin

Edith van der Meulen was thirteen when she was hit by a German fragmentation bomb in Nijmegen. “Suddenly, while I was in the street, I was struck in the face and could no longer see.” She heard her sister fall to the ground beside her. “Later, she was dead, and I was blind.” The end of a childhood in wartime.

The Dutch photographer Martin Roemers has portrayed people who lost their sight through war or its aftermath, and listened to their stories. The German Historical Museum in Berlin is now showing forty of these photographs, together with the accompanying stories, in a small exhibition. It occupies only a fraction of the space taken up by the First World War exhibition in the basement and Herlinde Koelbl’s Targets exhibition on the first and second floors, but it provides a necessary complement to their images of death and destruction, shooting targets and marksmanship. For here we see faces in peacetime, and yet they are not peaceful faces. The shock that scarred them is etched into their features: as a deep scar, an empty eye socket, a veiled gaze that finds no point of focus. And as an expression of extraordinary power.

For the blind do not present themselves. They appear. They do not play a game with the camera, but draw the camera into their inner truth. The photograph does not capture a moment; it tells “the story of an invisible world,” as the writer Cees Nooteboom recognized in Roemers’s photographs. The stories recorded on the panels beside the photographs begin in different ways, but they repeatedly arrive at the same point. A German fighter pilot had shot down twenty-five Allied bombers before, in April 1945, he was pursued by three Spitfires. A Russian boy is playing with his friend, who shows him an iron cylinder. An English soldier goes on patrol near Caen. A few Hitler Youth boys sit down in front of an unexploded bomb. The youngest of the war victims was born in 1970, a woman who, at the age of twelve, survived the explosion of an anti-tank mine in a barn. Her three playmates were killed.

“Only the dead have seen the end of war,” goes a famous saying by the Spanish philosopher George Santayana. If that is true, then the war continues in the eyes of these blind people. The rest of their faces, however, tells a different story. Frederick Bentley, whom Roemers credits with inspiring his photographic project, says that he had a good life as a machinist with four children. “I had a bad life,” by contrast, says a Russian old man who was wounded during the battle for Berlin and later spent decades repairing shopping nets. There is, after all, no collective fate. There is only the path that each individual takes.

Andreas Kilb